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Die Apotheke als Kino benutzen

Der Krieg wirkte sich einschneidend auf die Anstalt Eglfing-Haar aus. Die Anstalt war als Ausweichkrankenhaus für Münchner Kliniken bestimmt worden. Im Jahre 1944 scheint auch ein sog. Flugmeldeposten im II. Obergeschoß des Gesellschaftshauses eingerichtet worden zu sein. Anfang 1945 erfuhr das ehemalige Gesellschaftshaus eine erneute Nutzung. Im Festsaal und dessen Nebenräumen wurde die „sehr umfangreiche Apotheke“ hier untergebracht.

Nach Kriegsende wurden die ausgelagerten Münchner Kliniken sukzessive in die Stadt zurück verlegt. Mit diesen Rückverlegungen dürfte auch das Gesellschaftshaus geräumt worden sein. Das Gesellschaftshaus mußte aber sofort wieder abgegeben werden; es wurde auf Anordnung des Flüchtlingskommissars zur Einlagerung von Decken vermietet.

Die Anstaltsleitung bestand darauf, daß das Gesellschaftshaus Ende 1946 wieder freigemacht werde, doch stand schon ein neuer Nutzer bereit. Da die beiden in der Gemeinde Haar vorhandenen Säle von den Besatzungsmächten beschlagnahmt waren, gab es im Gemeindebereich keinen Ort für größere Veranstaltungen. Daraufhin erhielt die Gemeinde von der Anstaltsleitung die Erlaubnis, im Gesellschaftshaus des Abschnittes Eglfing Veranstaltungen durchzuführen (Tanzveranstaltungen und dergleichen, „Turn- und Sportübungen zur Ertüchtigung der Jugend“, „politische Veranstaltungen“ anläßlich der Landtagswahl 1946).

Der Haarer Bürgermeister ersuchte um die Erlaubnis, für künftige Veranstaltungen auf den Theatersaal im Abschnitt Haar ausweichen zu dürfen. Diese Erlaubnis wurde ihm aber vom Direktor der Anstalt, Anton von Braunmühl (Direktor 1945/1946-1957), nicht gewährt; zwar liege das Gesellschaftshaus in Haar am Rande der Anstalt und günstig zur Gemeinde, zunehmende Raumnot in der Anstalt erlaube aber eine anderweitige Nutzung nicht.

Als Ort für Veranstaltungen wurde das Gesellschaftshaus in Haar offenbar zunächst nicht verwendet; sämtliche nach Kriegsende wieder stattgefundenen Veranstaltungen scheinen im Gesellschaftshaus des Abschnittes Eglfing gewesen zu sein.

Mit zunehmender Normalisierung des Anstaltsbetriebes nach Ende des Krieges stand die Frage der weiteren Nutzung des Gesellschaftshauses an. Dem allgemeinen Trend nach Kriegsende folgend wurde 1950 beschlossen, im Gesellschaftshaus ein Kino einzurichten.

Die Umbaumaßnahmen selbst düften nicht sonderlich aufwändig gewesen sein. Die einzige größere Entscheidung betraf die Bestuhlung; die vorgesehenen ca. 430 Stühle wurden von der Fa. Kampfhöner, Bielefeld (ungepolsterte Klappstühle Modell „Berlin“) bezogen; ein Gegenangebot – Thonet-Stühle Modell B 3 – kam nicht zum Zuge. Die regulären Kinovorführungen sollten zum Frühjahr 1952 einsetzen, der Termin der Eröffnung des Anstalt verschob sich aber in den Spätsommer 1952.

Im 14-tägigen Rhythmus sollten je zwei Filmvorführungen – „getrennt nach Geschlechtern“ – gezeigt werden; jährlich fanden etwa 20 Filmnachmittage statt. Diese Filmvorführungen erfreuten sich großer Beliebtheit; der Andrang – wie es im Jahresbericht für 1958 heißt – „überstieg, obwohl jedesmal mehrere Vorstellungen stattfanden, ständig das Fassungsvermögen des Kinosaales“. Die Vorführungen waren für Patienten und Patientinnen, samt deren Begleitpersonal gedacht; unter den Zuschauer befanden sich aber auch dienstfreie Anstaltsbeschäftigte und deren Angehörige, insbesondere Kinder. Sogar „anstaltsfremde Erwachsene (bis von der Polizeikaserne kommend)“ besuchten verbotenerweise die Vorstellungen.

Die Auswahl der Filme oblag der Leitung der Anstalt. Von Braunmühl wollte den Patienten „gute heitere Filme“ zeigen. Sein Nachfolger, Hermann Nadler, sah das Kino als „ein Mittel mehr gegen die lähmende Monotonie... Geschickte Auswahl der Filme bringt es zuwege, die Besucher ´in der Zeit´ zu halten. Keineswegs überwiegt der beiläufige Genuß; ein Großteil des Publikums nimmt durchaus Stellung und findet sich, spontan oder angeregt, zur Diskussion bereit“ (Jahresbericht 1957). Welche Filme im Einzelnen gezeigt wurden, ist nur in sehr wenigen Fällen zu ermitteln; am 22. August 1955 beispielsweise wurde der Film „Nacht ohne Sünde“ (1950) gezeigt.

Angesichts der ständigen Überfüllung des Kinosaales wurden schon 1958 versuchsweise Fernsehapparate (insgesamt 7 Stück) in der Anstalt aufgestellt. Zwar wurde die Vorführanlage im Kinosaal 1965 nochmals erneuert (Umstellung auf Cinemascope), doch verlor das Anstaltskino gegenüber dem Fernsehen immer mehr an Attraktivität. 1969 mußte zudem aufgrund des bestehenden Pflegermangels der Vorführungsrhythmus von zwei auf drei Wochen verlängert werden. Ende 1971 wurde beschlossen, künftig keine Kinovorführung mehr zu veranstalten. Genau 20 Jahre lang, von 1952 bis 1971, hatten im ehemaligen Festsaal des Gesellschaftshauses Kinovorführungen stattgefunden; die letzte Vorführung war am 11. Dezember 1971.

Im Hinblick darauf – so heisst es im Jahresbericht des Bezirkskrankenhauses Haar für 1972 – „dass alle Stationen nunmehr mit Fernsehapparaten ausgestattet sind, erfolgten keine Kinovorführungen im Theatersaal von Haar II mehr. Der Saal wurde gründlich renoviert und soll künftig wieder als Theatersaal für Laienspielgruppen sowie als Vortragssaal dienen.“

 

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